von Olivier Rüegsegger
Vor mehr als einem Jahr haben beide Kammern des eidgenössischen Parlaments überraschend deutlich eine Motion angenommen, die neue Kriterien für die Zulassung zum Medizinstudium fordert. «Der Numerus clausus ist viel zu einseitig», betonte Ständerätin Andrea Gmür in der Debatte. Zudem gefährde der Mangel an qualifizierten Fachkräften die medizinische Versorgung. Das Parlament möchte deshalb mehr Ärztinnen und Ärzte im Inland ausbilden. In eine ähnliche Richtung zielen die Motion von Samuel Krähenbühl im Berner Grossen Rat sowie die überparteiliche Anfrage im Zürcher Kantonsrat. Beide Initiativen sind von der Sorge getragen, dass die tiermedizinische Versorgung unzureichend werden könnte. Auch die Zulassung zum Veterinärmedizinstudium ist dadurch in den politischen Diskurs gerückt.
Um sich auf die bevorstehende Debatte vorzubereiten, hat die Vetsuisse-Fakultät unter der Leitung der Lehrkommission einen Workshop organisiert. Ende September haben 20 Vertreterinnen und Vertreter beider Standorte sowie der Präsident der GST die Vor- und Nachteile der verschiedenen Zulassungsverfahren analysiert und diskutiert.
Der Eignungstest ist fair
Trotz aller berechtigten Kritik am heutigen Eignungstest für das Medizinstudium (EMS) wurde das Verfahren im Workshop als ein geeignetes Mittel zur Bewertung der kognitiven Fähigkeiten angesehen und somit als ein Selektionskriterium für das Studium betrachtet. Der Aufwand sei überschaubar, der Zugang fair, und zudem könne der EMS beliebig oft wiederholt werden. Letzteres unterscheidet ihn auch von der Matura-Note, die ebenfalls als mögliches Kriterium diskutiert wurde. Da sich die Maturitätsprüfungen von Kanton zu Kanton unterscheiden, bewertete der Workshop deren Bewertung als ein eher unfaires Zulassungskriterium. Zudem bestehen in der Schweiz hohe rechtliche Hürden, um Maturanoten in einem Auswahlverfahren einbauen zu können. Diese zu überwinden würde sehr aufwendig und lange Zeit in Anspruch nehmen.
Denkbar wäre auch ein Selektionsjahr. Die Zulassung zum Studium würde erst im Anschluss und aufgrund der erbrachten Leistungen erfolgen. Dies würde zwar die Chancengleichheit sicherstellen, doch wäre das Jahr von grossem Druck und Konkurrenzdenken geprägt. Der zeitliche, räumliche und finanzielle Aufwand wäre erheblich, sowohl für die Universität als auch für diejenigen, die das Studium nicht fortsetzen könnten. Entschärfen könnte eine Kooperation mit anderen naturwissenschaftlichen Studienfächern, ergänzt durch ein Praktikum.
Breiter Kompetenzen prüfen
Eine Tierärztin oder ein Tierarzt braucht durchaus vielfältigere Kompetenzen als jene, die der heutige, kognitiv orientierte Test misst. Darin sind sich Workshop-Beteiligte und Politik einig. Einiges erwerben sie während des Studiums. Trotzdem wäre es wünschenswert, wenn die für den Beruf notwendigen Soft Skills bereits für das Studium vorhanden wären. Diese könnten in Interviews – also in einer Art Assessment – eruiert werden. Der Workshop hat diese Variante als sehr aufwändig bewertet; zudem würden sich Kandidierende auf solche Gespräche zunehmend gezielt vorbereiten, was Einfluss auf die Aussagekraft solcher Verfahren hat.
Auf deutlich mehr Zustimmung stiess – trotz Verlängerung des Studiums – die Idee eines vorbereitenden Praktikums. Dies ermögliche einen Einblick in das reale Arbeitsleben und korrigiere allenfalls vorhandene unrealistische Vorstellungen des Berufs. Dieser Realitätsabgleich zeige gleichzeitig auch die Ausprägung vorhandener Selbst- und Sozialkompetenzen auf. Ob dafür jedoch genügend Plätze zur Verfügung stehen würden, ist fraglich. Zudem stellt sich auch das Problem der objektiven Beurteilung durch den jeweiligen Betrieb.
Zulassung als Lenkungsmassnahme
Seitens der Landwirtschaftslobby wird insbesondere eine stärkere Ausrichtung auf die Nutztiermedizin gewünscht. Das Selektionsverfahren könnte daher auch dazu genutzt werden, Studienanwärterinnen und Studienanwärter gezielt in eine bestimmte Spezialisierung zu lenken. Diese Praxis ist in anderen Ländern bereits eingeführt, wie Adrian Steiner in der VetsuisseNEWS 2/25 erläutert hat. Das Verfahren würde Personen mit Vorwissen oder klaren Berufsvorstellungen bevorzugen. Auch eine Bevorzugung bestimmter Regionen wäre möglich. Neben zahlreichen rechtlichen Bedenken fehlten den Workshop-Teilnehmenden zudem die Daten zur langfristigen Wirkung. Sollte eine inhaltliche Lenkung tatsächlich politisch gefordert werden, müssten diese Verfahren noch eingehender geprüft werden.
EMS plus
Das perfekte, faire und effiziente Kriterium für die Zulassung gibt es wohl nicht. Dies wurde in der Schlussrunde des Workshops deutlich. Der heute angewandte EMS bietet trotz Kritik viele Vorteile. Wenn es gelingt, die Studienanwärterinnen und Studienanwärter bereits im Vorfeld zu einem Praktikum zu motivieren, hätten sie eine solide Entscheidungsgrundlage für ihre Bewerbung um einen Studienplatz. Inwieweit diese Innensicht der Workshop-Teilnehmenden auch von anderen Beteiligten, insbesondere von Berufsleuten, der Politik und der Verwaltung, geteilt wird, wird sich in den Diskussionen der kommenden Jahre zeigen.