Dieser Artikel wurde Anfang Mai verfasst, zwei Wochen vor der Vor-Ort-Visite. Eine erste Einschätzung zum Verlauf und zum Ergebnis des Besuchs finden Sie hier.
Wolken hingen über Zürich an jenem Freitag im Oktober 2024. In einem Gruppenarbeitsraum trafen sich die beiden Standortdekane, die offiziellen Verbindungspersonen und etwa ein Dutzend weitere Angehörige der Vetsuisse-Fakultät mit Expertinnen und Experten der EAEVE zur Abschlusspräsentation. «Der Besuch war gut organisiert», wird das Komitee später im Abschlussbericht schreiben. Der Programmpunkt um 08:30 Uhr bildete den Abschluss der fünftägigen «EAEVE Site Visit». Die während dieses Treffens vermittelte Botschaft traf die Anwesenden wie ein Hammer. Die Expert*innen stellten drei wesentliche Mängel fest. Was bereits in der Abschlusspräsentation deutlich wurde, folgte sechs Wochen später auch noch offiziell: «Die veterinärmedizinischen Ausbildungsstätten der Universitäten Bern und Zürich werden (…) mit dem Status Akkreditierung ausstehend eingestuft.»
«Für alle Beteiligten war das ein Schock»
Noch bevor der offizielle Schlussbericht veröffentlicht wurde, traf sich der Vetsuisse-Rat, das höchste strategische Gremium der gemeinsamen Fakultät. Der Rat beauftragte die Fakultät damit, die Vorgaben aus der EAEVE-Evaluation umzusetzen. Man sehe eine Chance in den anstehenden Herausforderungen, schrieb der damalige VetsuisseDekan im Anschluss an die Sitzung vom 6. Dezember. Die Gesamtprojektleitung lag jedoch in neuen Händen, wie geplant ging die Leitung der gemeinsamen Vetsuisse-Fakultät zum 1. Januar 2025 wieder an Bern über. Damit übernahm auch die neu gewählte Gertraud Schüpbach diese Aufgabe. Auf die Frage, ob sie nach diesem Einstieg nicht gleich wieder aufhören wollte, muss Schüpbach heute lachen. «So schlimm war es nicht.» Für alle Beteiligten sei es zwar ein Schock gewesen, doch «die Kritikpunkte waren zum grossen Teil berechtigt.» Es habe auch kritische Stimmen gegeben, trotzdem habe der Nutzen den geschätzten Aufwand überwogen. Die Schweizer Abschlüsse behalten nur mit der Akkreditierung ihren Wert auf dem europäischen Markt.
Mehr Ausbildung am Schlachthof
Die Expertinnen und Experten stellten in ihrem Bericht fest, dass die Studierenden zu wenig Ausbildung im Schlachtbetrieb erhalten. «Wir haben uns bei der Ausarbeitung des Lehrplans, dem Curriculum 2021+, bewusst entschieden, ein zweiwöchiges Praktikum im Schlachthof nur für die VPH-Studierenden anzubieten, bei denen das gesamte Modul auch für die postgraduale ATA-Ausbildung anerkannt ist», erklärt Roger Stephan, Direktor des Instituts für Lebensmittelsicherheit und Hygiene. Zur Erfüllung dieser Auflage wurde ein einwöchiges Schlachthofpraktikum in einem Rinderschlachtbetrieb eingeführt, zusätzlich zu dem bereits früher für alle Studierenden angebotenen Schlachthoftag in einem Schweineschlachtbetrieb. Dieses neue Praktikum absolvieren die Studierenden im letzten Studienjahr in Gruppen von jeweils vier Personen. Die Ausbildung wird vor Ort von einer amtlichen Tierärztin des Kantons Solothurn durchgeführt. Das neue Modul am Schlachthof wurde gemeinsam mit dem Institut für Lebensmittelsicherheit und Hygiene entwickelt und umfasst Themen, die von der praktischen Schlachttieruntersuchung bis hin zu tierischen Nebenprodukten reichen. Es wird in engem Austausch mit dem Institut durchgeführt. «Dank unserer guten Vernetzung mit der Bell Food Group sowie mit den Veterinärämtern der Schweiz haben wir zwei starke Partner gefunden, die uns bei dieser Ausbildung unterstützen», so Stephan. Für noch mehr praktische Erfahrung hat man zusätzlich im Fachgebiet Pathologie eine definierte Ausbildungszeit für die Besprechung pathologisch-anatomischer Veränderungen an Schlachtorganen festgelegt.