Gemeinsam stark seit 2006

Im September 2026 feiert die Vetsuisse-Fakultät der Universitäten Bern und Zürich ihr 20-jähriges Bestehen. Was 2006 als schweizweit einzigartiges hochschulpolitisches Projekt begann, hat sich zu einer gemeinsamen veterinärmedizinischen Fakultät mit zwei starken Standorten entwickelt. Forschung und Lehre, Tiergesundheit und Tierwohl sowie der One-Health-Gedanke bilden dabei die verbindenden Elemente.

von Michael Schaepman (Präsident des Vetsuisse-Rats), Gertraud Schüpbach (Vetsuisse-Dekanin und Dekanin des Standorts Bern) und Roger Stephan (Dekan des Standorts Zürich)

Am 1. September 2006 trat das interkantonale Konkordat zwischen den Kantonen Bern und Zürich in Kraft: Die gemeinsame Vetsuisse-Fakultät war damit offiziell gegründet. Bereits am Vortag, am 31. August 2006, war dieser Meilenstein mit einem Vetsuisse-Gründungsfest gefeiert worden.

Die Gründung war in mehrfacher Hinsicht aussergewöhnlich: Erstmals in der Schweiz wurden zwei Fakultäten zweier Universitäten und zweier Kantone zu einer gemeinsamen Fakultät mit zwei Standorten zusammengeführt. Ein neues Modell der universitären Zusammenarbeit war entstanden. Dem vorausgegangen war ein fast zehnjähriger politischer und organisatorischer Prozess. Bereits 1997 hatten die Arbeiten zur Zusammenführung begonnen. 2003/2004 wurde ein weitgehend harmonisiertes Curriculum eingeführt. Im Jahr 2005 stimmten die Regierungen der Kantone Bern und Zürich der gemeinsamen Fakultät zu, im Frühjahr 2006 folgte die Zustimmung der beiden Kantonsparlamente zum Konkordat. Damit war der Weg für Vetsuisse geebnet.

Zwei Standorte und eine gemeinsame Aufgabe

Heute ist die Vetsuisse-Fakultät mit ihren Standorten Bern und Zürich die universitäre Ausbildungsstätte für Veterinärmedizin in der Schweiz. Die beiden Standorte verfügen über eigene Profile und Stärken, verfolgen aber gemeinsame übergeordnete Ziele. Im Zentrum stehen Tiergesundheit und Tierwohl. Gleichzeitig hat sich das Verständnis der Aufgaben der Veterinärmedizin in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich erweitert. Die Gesundheit von Tieren kann nicht losgelöst von der Gesundheit des Menschen und der Umwelt betrachtet werden. Die Vetsuisse-Fakultät versteht sich deshalb als essenzielle Partnerin im One-Health-Konzept. Veterinärmedizin, Humanmedizin, Agronomie, Natur- und Umweltwissenschaften sowie Sozialwissenschaften müssen zusammenarbeiten, um komplexe Herausforderungen unserer Zeit erfolgreich bewältigen zu können. Zoonosen und neu auftretende Infektionskrankheiten, Antibiotikaresistenzen, sichere Lebensmittel, Auswirkungen von Klima- und Umweltveränderungen sowie Fragen des Tierwohls zeigen eindrücklich, wie eng die Gesundheit von Tier, Mensch und Umwelt miteinander verbunden ist.

Eine gemeinsame Vision

Die übergeordnete Vision der Vetsuisse-Fakultät ist die einer Gesellschaft, die Tiergesundheit und Tierwohl einen hohen Stellenwert einräumt und gleichzeitig deren Bedeutung für Mensch und Gesellschaft erkennt. Die Mission der Fakultät besteht darin, Forschung und Lehre auf höchstem Niveau anzubieten und das dabei gewonnene Wissen in die Praxis zu übertragen. Wissenschaftliche Erkenntnisse sollen nicht an den Grenzen der Universität enden. Sie sollen dazu beitragen, Krankheiten zu verhindern und besser zu behandeln, die Gesundheit und das Wohlergehen von Tieren zu fördern und gleichzeitig einen Beitrag zur Gesundheit des Menschen und zu einer nachhaltigen Gesellschaft zu leisten. Dieser Anspruch verbindet die beiden Standorte und bildet die Grundlage für die langfristige strategische Entwicklung der Vetsuisse-Fakultät.

Gemeinsam Qualität gestalten

Eine Fakultät mit zwei Standorten benötigt Strukturen, die Zusammenarbeit ermöglichen und gleichzeitig gemeinsame Qualitätsstandards gewährleisten. Dafür wurden über die vergangenen 20 Jahre verschiedene gemeinsame Vetsuisse-Gremien etabliert. Zu den zentralen Strukturen gehören das Vetsuisse-Dekanat, die Vetsuisse-Geschäftsleitung und die Vetsuisse-Fakultätsversammlung sowie gemeinsame Kommissionen. Besondere Bedeutung kommt der Nachwuchsförderung und Qualitätssicherung zu. Die Lehrkommission begleitet die Entwicklung des Curriculums und setzt sich für eine wissenschaftlich fundierte und gleichzeitig praxisorientierte Ausbildung ein. Die Kommission für Forschung und Nachwuchsförderung unterstützt die Förderung des akademischen Nachwuchses und entwickelt Grundlagen zur Qualitätssicherung in der Forschung. Die Habilitationskommission gewährleistet gemeinsame Vetsuisse-Standards für Habilitationen und trägt zu transparenten Kriterien für akademische Karrierewege bei. Im Rahmen der Vorbereitungen auf die EAEVE-Reakkreditierung 2026 wurde die Zusammenarbeit um einen weiteren wichtigen Bereich ergänzt: Eine gemeinsame Kommission beschäftigt sich mit Biosicherheit und der weiteren Harmonisierung entsprechender Standards und Massnahmen an beiden Standorten.

Doch Zusammenarbeit lebt nicht nur von Strukturen und Reglementen. Der persönliche und wissenschaftliche Austausch ist ebenso entscheidend. Ein sichtbares Beispiel dafür ist der jährlich stattfindende «Science and Barbecue Day», an dem Forschende beider Standorte ihre Arbeiten präsentieren, neue Kontakte entstehen und herausragende Forschungsleistungen ausgezeichnet werden. Auch die jährlich stattfindende gemeinsame Veterinary-Public-Health-Tagung fördert den standortübergreifenden wissenschaftlichen Austausch.

2019: Das Vetsuisse-Modell auf dem Prüfstand

Nach mehr als einem Jahrzehnt gemeinsamer Erfahrung wurde das Vetsuisse-Modell einer umfassenden externen Beurteilung unterzogen. 2019 wurde das Konkordat im Auftrag der zuständigen Hochschulämter der Kantone Bern und Zürich extern evaluiert. Das Ergebnis war positiv und bestätigte damit grundsätzlich das Modell einer gemeinsamen Fakultät mit zwei Standorten. Gleichzeitig bilden solche Evaluationen eine wichtige Grundlage, um bestehende Strukturen kritisch zu hinterfragen und die Zusammenarbeit kontinuierlich weiterzuentwickeln.

2021: Ein neues Curriculum für eine neue Generation

Einer der wichtigsten gemeinsamen Entwicklungsschritte der vergangenen Jahre war die grundlegende Überarbeitung des veterinärmedizinischen Curriculums. Nach intensiver Vorbereitung konnte 2021 an beiden Standorten gleichzeitig ein revidiertes Curriculum eingeführt werden. Im Zentrum standen dabei zwei wesentliche Neuerungen: mehr Zeit für die praktische Ausbildung und die Einführung einer Masterarbeit. Um diesen zusätzlichen Ausbildungsinhalten den notwendigen Raum zu geben, wurde das Studium von fünf auf fünfeinhalb Jahre verlängert. Damit wurde die Ausbildung weiter gestärkt und gleichzeitig der zunehmenden Bedeutung praktischer Kompetenzen Rechnung getragen. Von 2021 bis 2024 wurde diese Entwicklung durch das vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) finanzierte Kooperationsprojekt «Qualitätsgesicherte externe praktische Module» unterstützt. Ziel war es, die praktische Ausbildung ausserhalb der universitären Einrichtungen weiterzuentwickeln und gleichzeitig gemeinsame Qualitätsstandards sicherzustellen.

2026: 20 Jahre Vetsuisse – auf zu neuen Herausforderungen

Das 20-jährige Jubiläum ist nicht nur Anlass für einen Rückblick. Es fällt in eine Zeit, in der wichtige Weichen für die kommenden Jahre gestellt werden. Eine zentrale Frage betrifft die zukünftige Zahl der in der Schweiz benötigten Tierärztinnen und Tierärzte. Der Bedarf in verschiedenen Bereichen der tierärztlichen Tätigkeit entwickelt sich, während gleichzeitig die Anforderungen an eine qualitativ hochwertige veterinärmedizinische Ausbildung steigen. Im Jahr 2026 wurden deshalb im Rahmen des Projekts «VSF 100+» Grundlagen für den Vetsuisse-Rat erarbeitet, die als Basis für Entscheide über eine mögliche Erhöhung der Studierendenzahlen dienen sollen. Eine solche Entwicklung erfordert eine langfristige Betrachtung: Neben dem Bedarf an Tierärztinnen und Tierärzten müssen die erforderlichen personellen, infrastrukturellen und finanziellen Ressourcen ebenso berücksichtigt werden wie die Sicherstellung einer qualitativ hochstehenden praktischen und klinischen Ausbildung. Gleichzeitig stand im ersten Halbjahr 2026 erneut die EAEVE Akkreditierung der veterinärmedizinischen Ausbildung im Fokus. Die Anforderungen der europäischen Akkreditierung und deren kontinuierliche Weiterentwicklung unterstreichen den Anspruch, die veterinärmedizinische Ausbildung in Bern und Zürich langfristig auf international höchstem Niveau zu halten.

Von 2006 bis 2026: Eine gemeinsame Entwicklung

In zwanzig Jahren hat sich vieles verändert. Die Herausforderungen an die Veterinärmedizin sind komplexer geworden, neue wissenschaftliche Methoden haben Forschung und Diagnostik grundlegend verändert, und die Bedeutung der Veterinärmedizin für die Gesundheit der gesamten Gesellschaft ist sichtbarer geworden. Geblieben ist die Grundidee von Vetsuisse: Gemeinsam können die beiden Standorte mehr erreichen.

Die Verbindung der Kompetenzen von Bern und Zürich ermöglicht Kooperationen in Forschung und Lehre, gemeinsame Qualitätsstandards und die Nutzung komplementärer wissenschaftlicher und klinischer Stärken. Gleichzeitig bleiben die spezifischen Profile und gewachsenen Kompetenzen der beiden Standorte erhalten. Die kommenden 20 Jahre werden neue Herausforderungen bringen. Infektionskrankheiten und Zoonosen, Antibiotikaresistenzen, demografische Veränderungen, neue Technologien, Digitalisierung und künstliche Intelligenz, Klima- und Umweltveränderungen, sowie steigende gesellschaftliche Erwartungen an Tiergesundheit und Tierwohl werden die Veterinärmedizin weiter verändern. Diesen Herausforderungen kann eine moderne veterinärmedizinische Fakultät nicht isoliert begegnen. Sie benötigt die Zusammenarbeit über Fach-, Institutions- und Landesgrenzen hinweg. Genau darin liegt auch nach 20 Jahren eine der besonderen Stärken der Vetsuisse-Fakultät: zwei Universitäten, zwei Standorte, eine gemeinsame Fakultät und ein gemeinsames Ziel.

VetsuisseNews

Dieser Artikel erschien im Original in der VetsuisseNews 2/26.

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